#zusammenlesen #135

#zusammenlesen zieht mit uns auf unsere neue Facebook-Seite – mit einem Lektüretipp von Sepiedeh Fazlali:

Mithu Sanyal. IDENTITTI. Hanser Literaturverlage

„Herzlichen Glückwunsch, du bist ein Kinder-Überraschungsei:
Du hast Angst, dass du von außen braun und innen weiß bist.
Hab niemals Furcht. Das ist alles Schokolade.“
Der rasante Debütroman von Mithu Sanyal ist Pop, Soul und Rock 'n' Roll zugleich. Das Buch, auf das ich so lange gewartet habe!

Für Nivedita, die unter dem Pseudonym „Identitti“ in Gesprächen mit der Göttin Kali über Brüste, Vulven und Identität bloggt, bricht eine Welt zusammen, als sie erfährt, dass ausgerechnet ihre Lieblingsprofessorin Saraswati der Öffentlichkeit eine riesige Lüge aufgetischt hat: Die charismatische Saraswati, die auf internationalen Bühnen als Aktivistin und Person of Color auftritt, ist in Wirklichkeit weiß! Sie heißt Sarah Vera Thielmann und kommt aus Karlsruhe. Das ist eine riesige Verletzung – nicht nur für Nivedita, sondern für die gesamte Community, die durch Saraswati doch endlich eine Einheit und Stimme gefunden hatte.

Besitzt nun alles, was Nivedita von Saraswati gelernt hat, keine Bedeutung mehr? Warum hat Saraswati das getan? Welche Auswirkungen hat ihr Verhalten auf das Leben ihrer Mitmenschen und die gesamte Gesellschaft?

Nivedita will Antworten finden. Das Buch verurteilt nicht einfach den Betrug von Saraswati. So werden auch im riesigen Shitstorm, der online nach der Enthüllung tobt, die vielschichtigen Stimmen und Meinungen sichtbar. Die Welt ist komplex. Es gibt nicht nur eine Wahrheit, sondern immer mehrere Sichtweisen, und diese verändern sich im Laufe der Zeit.

Dennoch, in manchen Punkten lässt sich nicht verhandeln, und so hat auch die spielerische Konstruktion von Identität seine sehr realen Grenzen, da wo die Menschlichkeit überschritten wird wie bei den rassistischen Anschlägen in Hanau, die in dem Roman thematisiert werden.

Es ist großartig zu lesen, mit welchem Selbstverständnis und welcher Offenheit sich die Gedankengänge der jungen Studentin Nivedita verfolgen lassen. Das Buch zeigt zudem, dass Begehren und sexuelles Empfinden nicht nur auf romantische oder körperliche Komponenten beschränkt sind, sondern sich auch in einer geistigen Verbundenheit finden und befeuern wie zwischen Nivedita und Saraswati.

Mithu Sanyal bewegt sich mit einer erfrischenden Leichtigkeit zwischen Realität und Fiktion, zwischen Medien und Welten, vermittelt dabei mit Humor und Ironie Wissen um Rassismus, Sexualität, Kolonialismus und kulturelle Aneignung durch den Alltag von Nivedita.

„Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?”, ist hier eine gute Frage, denn die neu erschaffene Vielfältigkeit aus Mutter, Tochter und Geist hebt uns über unseren Horizont hinaus. Sind Saraswati, Nivedita, Kali, ja sogar das gesamte Umfeld nicht vielleicht doch bloß eine Person? Jenseits aller Konstruktionen um Identität ist eins gewiss: Wir sind alle miteinander verbunden!

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Sepiedeh Fazlali ist Kognitions- und Medienwissenschaftlerin, Kuratorin, Redakteurin und Kulturvermittlerin. Sie engagiert sich für die Sichtbarkeit von Careleaver:innen und ist Programmleitung von masala movement.

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