#zusammenlesen #136

Bruno Wenn empfiehlt das literarische Update des »Aufziehvogels«:

Haruki Murakami. DIE CHRONIKEN DES AUFZIEHVOGELS. Ungekürzt und in neuer Übersetzung von Ursula Gräfe. Dumont Verlag.

Puh geschafft. 1.005 Seiten. Ein Roman voller Humor, Irritationen, Tiefsinnigkeit, Skurrilitäten, überraschender Wendungen, und, ja, auch Grausamkeiten.

Worum geht es? Der dreißigjährige Toru Okada steckt in einer tiefen Lebenskrise, arbeitslos, von seiner Frau Kumiko verlassen, und der Kater ist auch verschwunden. Er lebt in den Tag hinein auf der Suche nach Frau und Kater. Dabei begegnet er Menschen, die seine Welt durcheinanderbringen – wie die mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestatteten Schwestern Malta und Kreta Kano oder seine sechzehnjährige Nachbarin May Kasahara, die ihn Herr Aufziehvogel nennt. Oder der ehemalige Leutnant Tokutaro Mamiya, der von seinen entsetzlichen Erlebnissen als japanischer Soldat in China und in russischer Kriegsgefangenschaft berichtet. Und nicht zuletzt Muskat Akasaka und ihr Sohn Zimt, mit denen er seine heilenden Kräfte an die Damen der Gesellschaft teuer verkauft. Nicht zu vergessen sein ungeliebter machtbewusster Schwager Noboru Wataya, der ihn unter Druck setzt, in die Scheidung einzuwilligen. Verzweifelt und über sich selbst reflektierend vermischen sich bei Toru immer stärker Wirklichkeit, Unterbewusstsein und Träume. Die Suche nach Kumiko wird zur Suche nach der Wahrheit, eine Wahrheit, die vielschichtig ist und sich verschiebt. Und am Ende wird das schreckliche Familiengeheimnis, das Auslöser all der Wirrungen, Vermutungen, Erlebnisse und Erfahrungen ist, gelüftet. Die unterschiedlichen Handlungsstränge sind locker und humorvoll verbunden. Dank der großartigen Übersetzerin Ursula Gräfe wird der Leser sofort hineingezogen in den Roman.

Ein Roman, der fesselt, verstört, nachdenklich macht, kräftezehrend ist und der seinen Lesern einiges abverlangt bei den Schilderungen aus der japanischen Besetzung der Mandschurei. Aber eine Lektüre, die lohnt.

Bruno Wenn ist Schatzmeister im Literaturhaus Köln.

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