#zusammenlesen #147

Wolfgang Schiffer empfiehlt ein Buch des Trostes:

J.J. Voskuil. DIE MUTTER VON NICOLIEN. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Verlag Klaus Wagenbach.

Für einen bekennenden Fan des 7-teiligen Romanzyklus „Das Büro“ von J.J. Voskuil, der dem 2008 verstorbenen Autor noch dazu bei so manchen Präsentationen des Kultromans hier in Deutschland seine Stimme geben durfte, ist der in diesem Frühjahr erschienene Roman des Autors, „Die Mutter von Nicolien“, natürlich ein absolutes Muss.
Zunächst ein wenig verwundert darüber, dass dieses Werk anders als „Das Büro“, das in den Jahren 2014 bis 2017 im Verbrecher Verlag verlegt wurde, nun im Wagenbach Verlag veröffentlicht ist, sah ich mich bald wieder gefangen in dem, was früher bereits meine Faszination maßgeblich bestimmt hatte: dieser lakonische, unaufgeregte Sprachstil, mit dem es Voskuil gelingt, in wenigen, oftmals dialogischen Skizzen Personen zu charakterisieren, Handlungen und Handlungsorte zu beschreiben, als sei man bei und an ihnen gegenwärtig.
Natürlich ist diese Qualität bei der Lektüre der deutschsprachigen Fassung vor allem auch dem Übersetzer Gerd Busse geschuldet, der auch hier wie schon in „Das Büro“ sein Können, stets den richtigen Voskuil-Ton zu treffen, unter Beweis stellt.
Vertraut ist mir als Leser weitgehend auch das Personal mit Maarten Koning als zentraler Figur, seiner Frau Nicolien, dem einen oder anderen Mitarbeiter in Maartens Wirkungsstätte, dem volkskundlichen Büro, in dem er 1957 – sehr zum Verdruss seiner Ehefrau, die ihn stets für und bei sich haben will, – eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter angenommen hatte.
Zu dieser Zeit setzt auch der Roman „Die Mutter von Nicolien“ ein und führt uns, in zeitlichen Abschnitten gegliedert, bis in das Jahr 1985. Über diese Zeit spannt sich der schleichende Prozess von Nicoliens Mutters Demenz, die zunächst niemand wahrhaben will, und der damit einhergehende körperliche Verfall, der später zur Unterbringung in ein Pflegeheim und schließlich zum Tod der alten Dame führt.
Es ist eine zutiefst menschliche Chronik eines stetig zunehmenden Gedächtnisverlustes, die Voskuil hier vor dem Leser ausbreitet, voller Trauer, doch bei aller Irritation und Ungeduld, die die Angehörigen empfinden, vor allem auch voller Wärme und selbst Humor.

„Es heißt, dass ich für meine Rente ein Girokonto eröffnen muss“, sagte sie plötzlich, „aber ich will überhaupt kein Girokonto haben.“
„Aber Sie haben doch schon seit zehn Jahren ein Girokonto.“
„O ja? Davon weiß ich ja gar nichts.“
„Nicolien hat es damals für Sie angelegt.“
„Und wie kommt es dann, dass ich davon nichts weiß?“
„Weil Nicolien immer Ihr Geld abholt.“
Sie sah ihn verdutzt an.
„Sie haben es einfach vergessen.“
„Ja, so wird es dann wohl sein.“
Er lachte. „Das Alter kommt mit Gebrechen, sagt man so.“
„Und du hast die Probleme damit“, parierte sie.

Den Romanzyklus „Das Büro“ hat man gelegentlich ein Buch des Trostes genannt, auf „Die Mutter von Nicolien“ trifft dies erst recht zu.

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