Anne Berest: Vatertage

Nach ihrem Erfolg Die Postkarte wendet sich Anne Berest in Vatertage (beide Berlin Verlag) dem bretonischen Zweig ihrer Familie zu.

Im Mittelpunkt steht eine Familie aus dem Finistère, deren rascher sozialer Aufstieg sie innerhalb weniger Jahrzehnte nach Paris führt. Anne Berest verbindet private Geschichte mit Zeitgeschichte und erzählt anhand des Lebensweges ihres Vaters Pierre vom bäuerlichen Leben über deutsche Besatzung und die Zerstörung Brests bis zu den Umbrüchen der 68er-Jahre und den Ängsten der AIDS-Ära. Angela Spizig moderiert, Christiane Nothofer liest aus der Übersetzung von Michaela Meßner und Amelie Thoma.

In jener Nacht in meinem Bett hörte ich, wie die Hefte nach mir riefen. Sie enthielten Lebensbruchstücke meines Großvaters, seine Kindheit im Finistère, in Saint-Pol-de-Léon. Und ich hoffte, ohne es mir wirklich einzugestehen, darin den Stoff für einen Roman zu finden. Vermutlich rau, schmucklos und wortkarg. Doch ich sollte einige Männer kennenlernen, von deren Anstand, Zurückhaltung und Schüchternheit ich keinerlei Vorstellung gehabt hatte.

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Anne Berest steht das Porträt ihres Vaters Pierre. Sie erzählt seine Geschichte, zugleich aber auch ihre gemeinsame: geprägt von Nähe, Schweigen, Missverständnissen und heftigen Gefühlsausbrüchen. Je näher die Ereignisse an die Gegenwart rücken – besonders nach seiner Krebs-Diagnose –, desto stärker tritt Anne Berest selbst als Tochter, Mutter und Schriftstellerin in den Vordergrund. Somit ist das Buch auch eine Liebeserklärung an den inzwischen verstorbenen Vater.
Erzählerisch setzt Anne Berest ihre Beschäftigung mit der eigenen Familie fort, die sie bereits in Die Postkarte begonnen hat. Diesmal steht die väterliche Linie im Mittelpunkt. Die Familie stammt aus Saint-Pol-de-Léon im bretonischen Département Finistère und erlebt innerhalb weniger Jahrzehnte einen bemerkenswerten sozialen Aufstieg. Der Akzent im Familiennamen verschwindet, Pierre wird ein angesehener Wissenschaftler, seine Töchter Anne und Claire Berest erfolgreiche Autorinnen.
Anhand von Pierres Lebensweg wird zugleich ein gesellschaftlicher Umbruch sichtbar. Als Mathematikstudent im Paris der 1960er-Jahre gehört er zu einer Generation, die sich rasch von der traditionell geprägten Welt der Eltern entfernt. Das politische Klima der 68er bildet dabei den Hintergrund. Auch Pierre bleibt davon nicht unberührt. Der Student aus der Bretagne teilt die Erwartungen und Illusionen seiner Generation – Erwartungen, die sich in den folgenden Jahrzehnten an wirtschaftlichen Krisen, gesellschaftlichen Spannungen und schließlich an der Erfahrung der AIDS-Jahre brechen.
Im Spannungsfeld aus Zeitgeschichte und persönlicher Erinnerung findet Anne Berest den Ton ihres Buches: Das Porträt eines Mannes wird zugleich zur Geschichte einer Familie – und zum Versuch einer Tochter, das Leben ihres Vaters zu verstehen.

Veranstaltungspartner: Berlin Verlag, Institut français Köln

© JF PAGA
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