Annett Gröschner: Schwebende Lasten

Schwebende Lasten (C.H.Beck) erzählt die Geschichte des 20. Jahrhunderts in einem einzigen Leben und gibt mit der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause denen ein Gesicht, die zu oft unsichtbar bleiben.

Lebendig, voller Wucht und Poesie zeichnet Annett Gröschner das Porträt einer gewöhnlichen Frau, die das Leben nimmt, wie es kommt, und dabei vor allem eines will: anständig bleiben. Über ein Arbeiterinnenleben in Magdeburg und darüber, dass manche Blumen nicht zur selben Zeit blühen, spricht Annett Gröschner im Literaturhaus mit Anne-Dore Krohn.

Dies ist die Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause, die zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt hat, die bis auf ein paar Monate im Berlin der frühen 1930er Jahre nie aus Magdeburg herauskam, sechs Kinder geboren hat und zwei davon nicht begraben konnte, was ihr naheging bis zum Lebensende. Die unter einer Kirche verschüttet und jeglicher Güter beraubt wurde, die ihren einbeinigen und im Alter stummen Mann Karl, der nach der Schicht im Stahlwerk in die Kneipe musste, weil er kein Flaschenbier vertrug und gerne Skat spielte, auf dem Rücken durch die Welt trug und die jede Woche sechs Haufen dreckige Wäsche vor ihren Füßen hatte. Die später, nachdem ihr Blumenladen im Knattergebirge genannten Armenviertel der Stadt längst Geschichte war, von einem Kran in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebes einen guten Überblick auf die Beziehungen der Menschen unter ihr hatte und die rechtzeitig starb, bevor sie die Welt nicht mehr verstand.
(Annett Gröschner: Schwebende Lasten, Seite 7)

Wie erzählt man ein ganzes Jahrhundert? Annett Gröschner tut es aus der Perspektive einer Frau, die weder Vorreiterin noch Rebellin ist, sondern schlicht – da. Hanna Krause lebt in Magdeburg, ihr Leben verläuft entlang der Brüche deutscher Geschichte: Bombennächte, Wiederaufbau, Mangelwirtschaft, neue Ideale, alte Zwänge. Ein Leben ohne Privilegien – und ohne Selbstmitleid. Es ist ein gelebtes Jahrhundert, das Annett Gröschner zeichnet: ohne Pathos, aber mit großer Genauigkeit.
Dass ihre Heldin Blumenbinderin war, bevor sie Kranführerin wurde, ist mehr als nur biografisches Detail. Blumen ziehen sich als Leitmotiv durch den Roman: als Trost, als Erinnerung, als unmögliche Komposition. Wie das Bukett auf einem Stillleben des flämischen Malers Ambrosius Bosschaert, das aus Blumen besteht, die nie gleichzeitig blühen können. Ein Bild für alles, was in Hannas Leben nicht zusammengeht – und dennoch da ist. Was blüht, wenn alles andere zerfällt?
Schwebende Lasten erzählt von nie ausgesprochenen Sehnsüchten und stiller Größe. »Besser kann man ein Menschenleben nicht erzählen. Mit diesem Buch errichtet Annett Gröschner nicht nur ihrer Heldin Hanna ein Denkmal, sondern sämtlichen unsichtbaren Frauen, die sich in den Abgründen des 20. Jahrhunderts jeden Tag wieder auf die Seite des Lebens zurückkämpften« (Julia Schoch).

Schwebende Lasten steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025.

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