Bettina Flitner: Meine Mutter
Als Bettina Flitner für eine Lesung nach Celle zurückkehrt – dorthin, wo vor 40 Jahren ihre Mutter beerdigt wurde –, springen sie mit unerwarteter Heftigkeit Fragen an, die sie lange von sich ferngehalten hatte: Fragen nach dem großen Unglück im Leben ihrer Mutter, die sie ins heutige Polen führen.
Aus den Erlebnissen dieser Reise, aus Tagebüchern und Erinnerungen erschafft Bettina Flitner mit Meine Mutter (Kiepenheuer & Witsch) einen berührenden Familienroman. Mit Katty Salié spricht Bettina Flitner über die erlösende Kraft des Erinnerns und Erzählens.
Wird das immer so weitergehen? Und was ist eigentlich mit mir? Komme ich davon? Oder ist es ein Fluch, der auch mich eines Tages einholen wird? Hatte ich schon mal an Selbstmord gedacht. Nein. Noch nie. Aber kann das noch kommen?
In ihrem Buch Meine Mutter geht Bettina Flitner dem Suizid ihrer Mutter nach, der kein Einzelfall in der Familiengeschichte war. Wie ein roter Faden zieht sich das Schicksal der Selbsttötung durch ihre Ahnenreihe. Was für Bettina Flitner als persönliche Spurensuche beginnt, weitet sich zu einer Reise in die traumatische Vergangenheit ihrer Vorfahren aus: Sie führt sie nach Wölfelsgrund, dem heutigen Międzygórze in Niederschlesien in Polen. Dort, in einem abgelegenen Luftkurort am Rand des Riesengebirges, betrieb ihre Familie einst ein Sanatorium. Die dramatische Flucht 1946, die Vertreibung aus der Heimat, der Verlust von Besitz, Sicherheit und Identität, das Ankommen in einem Nachkriegsalltag – all das hinterlässt Spuren. In Tagebüchern, Briefen und Dokumenten entdeckt Bettina Flitner Bruchstücke einer untergegangenen Welt, aus denen sie mit großer Sorgfalt und Empathie ein vielschichtiges Bild ihrer Familie zusammensetzt.
Was entsteht, ist mehr als persönliche Erinnerungsarbeit. Bettina Flitner gelingt mit ihrem Buch ein Familienroman, der historische Ereignisse – Krieg, Flucht, Verlust – mit dem Privaten verwebt, ohne ins Sentimentale zu verfallen. Sie erzählt von einer Mutter, die sich in ihrer Rolle nicht zurechtfindet, die schweigt, wo Worte notwendig gewesen wären, und die letztlich den Tod als letzten Ausweg wählt. Doch statt anzuklagen, sucht Bettina Flitner nach Versöhnung. Ihr Buch ist ein Versuch, nachträglich ins Gespräch zu kommen – mit der Mutter, mit der Vergangenheit, mit sich selbst.
Bettina Flitner stellt sich der familiären Katastrophe, nicht um sich von ihr zu distanzieren, sondern um sie zu durchdringen. Dabei zeigt sie, wie das Erinnern selbst zu einer rettenden Kraft werden kann: Indem sie hinsieht, wo zuvor weggeschaut wurde, und benennt, was jahrzehntelang ungesagt blieb, durchbricht sie den Kreislauf des Schweigens. Es ist dieser Mut zur Konfrontation, der das Buch so außergewöhnlich macht. Am Ende ihrer Reise steht nicht die endgültige Antwort, sondern ein neuer Blick – auf das, was war, und das, was bleiben darf. In einer Mischung aus literarischer Reportage, autobiografischem Erzählen und historischer Recherche entsteht ein Werk, das gleichermaßen erschüttert wie tröstet.
Veranstaltungspartner: Kiepenheuer & Witsch