Dana von Suffrin: Toxibaby

Der schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann: Toxibaby (Kiepenheuer & Witsch) ist ein schonungsloser und zugleich zärtlicher Roman über eine Liebe, die retten will und zerstört.

Dana von Suffrin erzählt mit scharfem Witz von einer Beziehung, die alles verlangt: Nähe, Erkenntnis, Erlösung. Herzchen, gefeierte Millennial-Autorin, liebt Toxibaby, Anfang vierzig, brillant und wütend auf die Welt. Sie ziehen zusammen, adoptieren einen Hund – und scheitern grandios. Was als rauschhafte Liebe beginnt, wird zum Kampf um Selbstbehauptung. Mit Tilman Strasser spricht die Autorin über die Beziehungsunfähigkeit einer ganzen Generation.

Ich sagte schon am zweiten oder dritten Tag am Taro zu Toxi, dass er der einzige Mensch sei, den ich für den Rest meines Lebens brauchen würde, und ich dachte damals, jetzt beginne endlich mein Leben, aber schon kurze Zeit später dachte ich das Gegenteil: So geht man zugrunde.

Wie die Suche nach Liebe und Sicherheit in der Generation der Millennials aussehen kann, zeigt Dana von Suffrin in der Geschichte von Herzchen und Toxi: Innerhalb von drei Jahren kommen die zwei auf 13 Trennungen. Sie blockieren und entblocken sich. Dann meldet sich Herzchen wieder bei Toxi. Sie schickt ihm rosa Herzchen, er ihr Bilder von seinem Bizeps. Sie ist wieder sein »Eselchen« und er ihr »Mäuschen«. Herzchen wird dann »ganz glücklich« über seine Fürsorge und Aufmerksamkeit und fühlt sich gleichzeitig, als müsse sie »trotz gebrochener Nase und rinnendem Blut wieder in den Ring steigen«. Schon auf den ersten Seiten des Romans wird die facettenreiche Beziehung zwischen Toxibaby und Herzchen deutlich: Im Urlaub sind die beiden überglücklich und zeigen sich als Traumpaar, auf der nächsten Seite beschreibt Herzchen Toxi als Nervensäge und Energieräuber. Mal sei er niedergeschlagen, mal »hochmütig wie ein Pfau«. Alles, was bei Toxibaby schiefläuft, schiebt er ganz selbstverständlich auf seine Lebensumstände und die Gesellschaft – das heißt auf das System und das heißt auf den Spätkapitalismus. Auch Herzchens jüdische Biografie spielt im Roman eine wichtige Rolle. Dass ein großer Teil ihrer Familiengeschichte in einem Außenlager von Auschwitz-Birkenau endet, verarbeitet sie in ihrem Roman Omama’s Madhouse und wird damit sehr erfolgreich. Sie wird zu Gedenkveranstaltungen und Dinnerpartys eingeladen, worin Toxi nur den Versuch der Leute sieht, sich von ihrem schlechten Gewissen zu entlasten. Wenn die beiden sich nicht gerade wieder blockieren, üben sie sich also im intellektuellen Kräftemessen: Toxi erzählt von postmoderner Literatur und Herzchen klärt ihren nichtjüdischen Freund auf, »dass Juden mit der Postmoderne nichts anfangen können« – genauso wenig wie mit Schwarzbrot oder Ibuprofen. »Suffrin schafft es auf einzigartige Weise, das Schwere ernst und gleichzeitig leicht zu nehmen. Und vor allem auch in diesem Roman daraus große Literatur zu machen« (Die Zeit).

© Gunter Glücklich
© Gunter Glücklich

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