Helga Schubert: Luft zum Leben
Mit Erzählungen von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart kommt Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert nach Köln.
In Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang (dtv) erzählt sie von Sehnsucht und Fernweh, von Diktatur und innerer Freiheit, vom Menschsein und Menschbleiben. Treffsicher und lakonisch im Ton berühren sich bei Helga Schubert persönliches Erleben und Zeitgeschichte. Es moderiert Theresa Hübner.
Es gibt beim Schreiben ein Risiko, und ich bin mir auch dessen bewusst, die Lebensumstände eines Menschen in den genauen Einzelheiten zu beschreiben. Aber nur die genaue Beschreibung interessiert mich. Mich faszinieren die Einzelheiten, die dieses Menschenschicksal ausmachen. Natürlich könnte ich mir etwas ausdenken, aber dann würde diese Schicksalsbeschreibung ja nicht stimmen. Man würde beim Schreiben diesen Menschen unkenntlich machen, die Erkenntnis verraten, die man über dieses Leben nach langem Zuhören und Vergleichen gewonnen hat.
Eine Frau flaniert in den frühen Achtzigerjahren nach Feierabend durch Ostberlin, weil sie einmal nicht als Erste zu Hause sein möchte. In Moskau soll Helga Schubert die Primaballerina Galina Ulanowa portraitieren, wartet tagelang auf ein Treffen und erlebt dann Unverhofftes. Ein Kind atmet zum ersten Mal ein, eine Großmutter zum letzten Mal aus. Und eine Frau in den mittleren Jahren versucht, mit einer Krebsdiagnose umzugehen.
Aus einem Lebenszeitraum von 65 Jahren versammelt Helga Schubert in diesem Band Geschichten, die von Übergängen erzählen: von der Abhängigkeit als Kind in die Verantwortung für das eigene Leben, von den Übergängen in bisher ungewohnte Lebensformen, vom Übergang eines gesellschaftlichen Systems in eines, das man nur aus dem Fernsehen kannte. Und schließlich vom Übergang in die Unendlichkeit. Frühe Erzählungen stehen neben bisher unveröffentlichten Texten – einige erhielten in der DDR keine Druckgenehmigung – und neben neuen aus der Gegenwart. Luft zum Leben gibt den Blick frei auf ein ostdeutsches Frauenleben im 20. und 21. Jahrhundert und auf eine Schriftstellerin, die nicht müde wird, ihre Stimme zu erheben.