Nadja Küchenmeister: Der Große Wagen

Wie viel Kaffee soll man noch trinken, bevor man die Heizkörper kalt werden lässt?, fragt Nadja Küchenmeister in ihrem Langgedicht Der Große Wagen (Schöffling & Co.).

Mit Christof Hamann im Gespräch erkundet sie Erinnerungsräume zwischen Berlin, Köln und Lissabon – Orte, an denen Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen und eine Farbe wie Gelb plötzlich Bedeutung gewinnt. Eine poetische Reise durch Licht, Verlust und Neubeginn.

gelb wird wichtiger, ach, könnte ich doch
den zettel finden, den du mir hinterlassen hast
auf der kommode, da waren haferflocken

auf dem boden in der spüle deine schüssel
dein löffel, wo ist der zettel, jeden sonntagabend
wenn ich kam, klemmte er unter dem honigglas

klemmte, wenn ich ging, dienstag, mittwoch
donnerstag, wo ist er hin, ich scheue mich
ihn zu suchen, aus angst, ihn nicht zu finden

Es beginnt in Berlin, Köln oder Lissabon. Es beginnt im Frühling, mit einem Himmel, der keinen Wolkenfaden zieht. Das Leben kehrt zurück, und damit kehren auch die Erinnerungen zurück an werkelnde Kinder im Keller, an Tau auf Märzenbechern und Margeriten und an Gespenster, die unter der Dusche Monologe halten. Jemand geht durch die verwinkelten Straßen einer Stadt, auf dem Miradouro da Graça spiegelt sich das Licht vom Bahnhof Wuhletal. Warum also pausieren, wenn der Wind einen anhebt wie ein Blatt Papier?
Nadja Küchenmeister schreibt pausenlos, aber nicht gehetzt, wandelt von einer Szene zur nächsten. Wahrnehmungen und Assoziationen werden immer weiter aneinander gekettet. Die Bilder von schmelzendem Teer, abgebrochenen Ästen, Honiggläsern und Wäschestangen in der Mittagshitze springen und fließen ineinander. Dazwischen ist die Zeit da, um zu verschwinden, in der Ferne flimmert es, jemand schlürft deinen Atem. Und dann ist da doch gelegentlich ein Punkt, eine Erkenntnis: Die Tür geht zu, das war’s. Sprechen ist Schweigen. Dieses Gelände ist einzig und allein den Lebenden vorbehalten. Es geht um das Erinnern und Vergessen und um das Vergessen-Wollen. Es geht um das unausweichliche Ende von allem, das immer oben schwimmt, und um ein verlorenes ›Du‹. »Der Große Wagen verbindet Liebes- und Lebensspuren zu einem traumwandlerischen Gewebe« (WDR, Westart).

Veranstaltungspartner: Institut für Deutsche Sprache und Literatur I, Philosophische Fakultät der Universität zu Köln

Die Veranstaltung wird unterstützt von:

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