Sergej Lebedew: Die Beschützerin
Sergej Lebedews neuer Roman Die Beschützerin (S. Fischer) führt in den Donbass des Sommers 2014: Während die Trümmer des abgeschossenen Fluges MH-17 zur Erde fallen, lastet die ungesühnte Gewalt der Vergangenheit auf der Landschaft – in alten Stollen liegen die Opfer der Massaker des Zweiten Weltkrieges.
Genau hier leben die Studentin Shanna und ihre Mutter Marianna. In dichten, poetischen Bildern erzählt Sergej Lebedew vom Schmutz, der bleibt, und vom Bösen, das immer wiederkehrt. Es moderiert Uli Hufen. Aus der Übersetzung von Franziska Zwerg liest Olaf Reitz.
Er hatte gelesen und begriffen, warum die Juden aus Schacht 3/4 nicht hochgeholt werden durften. […] Es ging nicht, weil man sie nicht allein hochholen konnte. Sobald man den Schacht aufmachte, aufstocherte, aufgrub, kam die ganze Vergangenheit zum Vorschein. Sowohl die deutsche als auch die eigene, sowjetische. So war sie im Schacht arrangiert, gemischt, verschlungen. Und nicht nur im Schacht. Auch im Leben. Und deshalb, wie Lermontow schrieb, »lag ein Stein auf ihm, ein schwerer / damit niemals aus dem Grab er stieg«
Die Studentin Shanna kehrt in ihr Heimatdorf im ukrainischen Donbass zurück, um sich um ihre kranke Mutter Marianna zu kümmern, die lange Jahre die dortige Wäscherei geleitet hat. Währenddessen besetzen prorussische Separatisten die Bergwerksregion und schießen ein Passagierflugzeug ab, dessen Fluglinie über die Ostukraine führt. Ausgerechnet dort, wo die Leichen vom Himmel fallen, liegen in alten Bergwerksstollen unter der Erde Tausende Menschen, die im Zweiten Weltkrieg von den Nazis und davor von NKWD und Tschekisten ermordet wurden. Wie immer in Sergei Lebedews vielschichtigem Erzählen überlagern sich die Zeitebenen. Der 1981 in Moskau geborene und seit 2018 in Potsdam lebende Autor erzählt die Geschichte der Gewalt als Kontinuum. »Sergej Lebedews Roman, zentriert um einen Grubenschacht, gleicht einer bildmächtigen Parabel von Russlands gewalttätiger Geschichte – und Gegenwart. Nichts, was Hoffnung andeutet, nicht einmal der Himmel« (NZZ).
Veranstaltungspartner: Lew Kopelew Forum e.V.