Svenja Leiber: Nelka
Lemberg 1941: Die sechzehnjährige Nelka wird zur Zwangsarbeit auf einen norddeutschen Gutshof verschleppt.
Ihr Wissen aus dem Obstbau schützt sie anfangs vor den Zudringlichkeiten des Gutsverwalters. Jahrzehnte später kehrt Nelka an den Ort ihres Leidens zurück, um sich der Vergangenheit zu stellen. Svenja Leiber erzählt in Nelka (Suhrkamp) sensibel und eindringlich von den Spuren der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, die sich bis in Gegenwart und Landschaft eingeschrieben haben. Es moderiert Anne Burgmer.
Womit beginnen? Mit den Herren oder mit den Knechten? Mit den Erzählten oder den Unerzählten? Womit beginnen? Mit dem Kummer oder mit dem Trost?
Rund 20 Millionen Menschen mussten für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten, sowohl im »Deutschen Reich« als auch in den besetzten Gebieten. Ohne die von ihnen geleistete schwerste und oft tödliche Arbeit wäre sowohl die Ernährung als auch die Bewaffnung der Deutschen während des Krieges nicht möglich gewesen. Große Teile des Reichtums von Industriellen-Familien und Unternehmen beruhen auf einst geleisteter Zwangsarbeit. In Schleswig-Holstein, dort wo Svenja Leibers Roman Nelka spielt, gab es 1943 128.320 Zwangsarbeiter*innen, 49.626 waren in der Landwirtschaft eingesetzt. Svenja Leiber gibt ihnen eine Geschichte und eine Stimme. Sie erzählt von Ukrainerinnen, Polinnen, Franzosen, Russen, deren Arbeit große Teile der Landschaft mitgeformt und die bis heute Spuren hinterlassen haben.
Nelkas Fachkenntnis im Apfelanbau legt hier nach dem Krieg den Grundstein für fremden Wohlstand. Was ihr als Anerkennung erschien, war Teil eines Systems von Abhängigkeit, Ausbeutung und sexualisierter Gewalt. Svenja Leiber zeichnet das Porträt einer Frau, die gelernt hat zu überleben – und die zurückkehrt.
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart entsteht ein vielschichtiges Bild weiblicher Solidarität, und es stellt sich die Frage, wie Erinnerung Verantwortung einfordert. So wird Nelka zu einer literarischen Annäherung an ein lange verdrängtes Kapitel europäischer Geschichte – und zu einer Erzählung über Würde und Selbstbehauptung. »Aus einem kleinen Apfelbaum entwickelt Svenja Leiber mit psychologischem Verständnis und poetischer Leidenschaft einen großen Roman« (DLF Kultur).