Yade Yasemin Önder: Anti Müller
Mit 36 steht die Protagonistin vor den Trümmern ihrer Beziehung zu einem gefeierten Autor, der ihren Kinderwunsch ignorierte. Tinder, Affären und Enttäuschungen folgen, bis die Sehnsucht nach einem Kind zur Obsession wird.
Yade Yasemin Önders Anti Müller (park x Ullstein) ist ein bissiger Gesellschaftsroman über toxische Männlichkeit, patriarchale Altlasten – und darüber, wie weit eine Frau zu gehen bereit ist, um sich ihren größten Wunsch zu erfüllen. Es moderiert Antonia Leise.
Außerdem werde ich seinetwegen voraussichtlich niemals Mutter, denn bitte: ein lose herumbaumelnder Eierstock noch, das Rauchen, die hungrige Vergangenheit im Allgemeinen und die durstige im Besonderen, und allem voran: die gestohlene Zeit! Sechs Jahre Ja, Nein, Vielleicht, und jetzt mit 35 gehe ich schnurstracks auf die 40 zu! Aber auch das hat den Autor Kar Kauz nicht daran gehindert, mich jahrelang an der Nase herumzuführen, mir leere Versprechungen zu machen, mich in diesem Vakuum einzuknoten und in den Fluss zu werfen, in dem ich für immer herumirren werde!
Die Protagonistin in Anti Müller ist unfreiwillig frisch getrennt von dem erfolgreichen Schriftsteller Kar Kauz, der ihren Kinderwunsch jahrelang immer wieder aufgeschoben hat. Da hilft nur eins: ein Tinderdate, um über den Ex hinwegzukommen – und das ausgerechnet mit Andi Müller, der bereits zwei Kinder hat. Und auch der verschwindet recht schnell wieder von der Bühne – ihre Sehnsucht nach einem Kind wird ihm irgendwie doch zu ernst. Was bleibt, ist der Kinderwunsch, und die Protagonistin ist zunehmend bereit, dafür über Grenzen zu gehen. Sie hat einfach »keine Kapazitäten mehr für unentschiedene Männer«. Dating wird Mittel zum Zweck. Die Verflossenen lässt sie derweil gedanklich zum Tode verurteilen und doch sind sie einfach nicht ganz totzukriegen, denn sie spuken mit neuen Geliebten oder Familienplänen als Quälgeister schon auf der nächsten Theaterpremiere herum. Währenddessen rückt ihr Autorinnen-Dasein immer mehr in den Hintergrund. Bestsellerlisten und Literaturpreise werden unwichtiger, die monatlichen Krämpfe bestimmen ihren Alltag und werden zum »Alarm meines Scheiterns«. Mit Jutebeutel und Perlenketten behangen, manikürt und mit acetonhaltigem Nagellackentferner ausgestattet: In Anti Müller geht es um die performativen Männer in einem vermeintlich feministischen Kulturbetrieb und eine Frau, die unter biologischem Zeitdruck steht, während ihre Partner gerne unverbindlich bleiben. Seite für Seite erzählt Yade Yasemin Önder mit raffiniertem Witz und intelligenter Ironie von den Beziehungen unserer Zeit und von patriarchalen Strukturen, die sich nicht mehr nur in Gewalt äußern, sondern auch in der Verweigerung, Verantwortung zu übernehmen. »Ich wage zu prophezeien: Dieses Buch wird ein feministischer Klassiker« (Daniela Dröscher).
Veranstaltungspartner: Institut für Deutsche Sprache und Literatur I, Philosophische Fakultät der Universität zu Köln