#zusammenlesen #154

Mit welchen Büchern kommt ihr aus dem Sommer zurück? Ulrike Schulte-Richtering vom Literaturhaus-Team hat einen Klassiker der DDR-Literatur wiederentdeckt:

Werner Heiduczek. TOD AM MEER. Mitteldeutscher Verlag.

Clemens Meyer schwärmte mal von diesem Roman, deshalb kam ich überhaupt darauf. Jetzt habe ich „Tod am Meer“ gelesen, verschlungen …

Ende der 1970er-Jahre von der Kritik verrissen und schließlich wegen „antisowjetischer Propaganda“ verboten, erzählt „Tod am Meer“ von Jablonski, dem Jungen aus Hindenburg (Zabrze), der mit den Grausamkeiten des Krieges erwachsen wird. „Unsere Seele stank wie unsere Füße. […] Wir waren nichts und wollten etwas sein.“

Jablonski wird nach dem Krieg in das neue, „bessere“ Land gespült, mäandert, vom Neulehrer zum Schulrat, zum Hilfsarbeiter, wird Schriftsteller. Er muss zuschauen, wie das Gute einer Ideologie weichen muss und der Einzelne geopfert wird, „um die heilige Sache des Volkes nicht zu gefährden. Wer die Menschlichkeit will, darf sich vor der Unmenschlichkeit nicht fürchten.“

Jablonski ist ein Verzweifelter. Ein Liebender, ein Lebensmüder und ein Schuldiggewordener, ein Verräter, Verrückter, Verlorener. „Vielleicht kann ich nur lieben, was mir verwehrt ist. Die Erfüllung tötet mein Gefühl.“

Kurz vor seinem Tod in Burgas am Schwarzen Meer bekennt sich Jablonski zu seinen Lebensirrtümern. „Es ist ein großes Elend um das Mensch-sein-Wollen.“ Eine solche Lebensbeichte wie Jablonski schreibt man nicht in selbstgerechter Zufriedenheit, sondern mit offenem Visier, mit weitem Herzen, „in Sehnsucht nach dem, was als Erfüllung auf uns wartet und zu dem wir uns durchkämpfen müssen“, ohne zu wissen, wer scheitert und wer ans Ziel kommt. Werner Heiduczeks (1926–2019) „Tod am Meer“ liest sich heute wieder so, als wäre keine Zeit vergangen.

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