Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter

Eine Kindheit im Hunsrück der 1980er-Jahre, die beherrscht wird von der fixen Idee des Vaters, das Übergewicht seiner Frau wäre verantwortlich für alles, was ihm versagt bleibt: Beförderung, sozialer Aufstieg, Anerkennung.

Schonungslos blickt Daniela Dröscher in Lügen über meine Mutter (Kiepenheuer & Witsch) aus der Perspektive eines Kindes auf das »Kammerspiel namens Familie«, lotet Lügen, Selbstbetrug, Scham aus. 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, mit Simone Schlosser im Gespräch auf der Bühne des Literaturhauses.

Ich konnte jede noch so kleine Regung im Gesicht meines Vaters entziffern. Sein Gesicht war unser Wetter. Er ließ sich in einer Ecke des Tisches auf den Stuhl fallen und schaute meine Mutter düster an. Die Beförderung könne er sich abschminken, das sei ihm heute klar geworden. Ein Mann ohne eine vorzeigbare Frau würde eine solche gehobene Stellung niemals bekommen.

Lügen über meine Mutter erzählt vom Aufwachsen in einer Familie, in der Unterdrückung und psychische Gewalt zur Tagesordnung gehören. Der Vater träumt von einer Beförderung, die nicht kommt. Um sich selbst zu erhöhen, wertet er seine Ehefrau ab. Mit ihrem Geld lebt er auf großem Fuß. Die Mutter muss das stemmen, was übrigbleibt: Kinder, Haushalt, Pflege. An ein eigenes Berufsleben ist nicht mehr zu denken. Lügen über meine Mutter entlarvt die Lügen des Vaters über die Mutter: den vermeintlich unförmigen Körper seiner Frau, den er für das Ausbleiben seines Aufstiegs verantwortlich macht. Lügen über meine Mutter zeigt ebenso die Lügen der Mutter auf, die damit der Tyrannei des Ehemanns zu entgehen versucht. Lügen über meine Mutter ist zugleich poetologisches Prinzip: die Fiktionalisierung einer Biografie.
Neben der Erzählperspektive der jungen Ela in den 1980er-Jahren, die vieles nicht versteht, aber vieles erspürt, gibt es die zweite Erzählstimme der erwachsenen Ela, die in essayistischen Passagen das Geschehene einordnet und zugleich als autofiktionales Erzählen offenkundig macht. Aber Daniela Dröscher erzählt »nicht nur eine unerhörte familiäre Tragödie, sondern weit über das Private hinaus ein immer noch unterbelichtetes Kapitel weiblicher Alltags- und Sozialgeschichte« (DLF).

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Veranstaltungspartner: Kiepenheuer & Witsch

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